Emil Zbinden - Für und wider die Zeit

978-3-7165-1550-1

Ausstellungskatalog zur Ausstellung «Emil Zbinden (1908–1991).Für und wider die Zeit» vom 19.9.08–18.1.09 im Kunstmuseum Bern

 

 

Mit Stichel, Stift und Pinsel

 

Mit «Für und wider die Zeit» widmet das Kunstmuseum Bern dem vielseitigen Künstler Emil Zbinden eine aufschlussreiche Retrospektive.

 

Als kongenialer Buchillustrator verlieh der Zeichner und Holzstecher Emil Zbinden (1908–1991) Gotthelfs Figuren ihre unvergleichliche Gestalt. Im Schatten dieses Erfolgs schuf er lebenslang Zeichnungen, Aquarelle und freie grafische Blätter, die nun erstmals zu sehen sind.

Dieses Jahr wäre er hundert Jahre alt geworden, der Mann, der so knorrig und zäh zu sein schien wie die Holzstöcke, die er mit dem Holzstichel bearbeitete. Wer heute den Namen von Emil Zbinden hört, wird sich unweigerlich an dessen meisterhafte Illustrationen von Gotthelfs Werken erinnern. Ab 1936 schuf er in 17 Jahren 910 Holzstiche für die Gotthelf-Ausgabe der Büchergilde Gutenberg. Verhärmt wirken die abgearbeiteten Dienstleute, verängstigt die zum Dinget geführten Kinder, selbstgerecht die reichen Bauersleute.

 

Umfangreicher Nachlass

Zbinden war ein scharfer Beobachter und feinfühliger Interpret der literarischen Stoffe, die er illustrierte. Doch der grosse Erfolg und die weite Verbreitung seiner Gotthelf-Illustrationen durch die Bücher verstellten den Blick auf sein übriges Schaffen, das er still und kontinuierlich pflegte.

Die erste Einzelausstellung wurde ihm erst 1955 ausgerichtet – bezeichnenderweise waren es 250 Stiche und Skizzen der Gotthelf-Illustrationen, die im Schloss Jegenstorf zu sehen waren. Hier setzt die retrospektiv angelegte Werkschau im Kunstmuseum an, die erstmals nicht das buchgestalterische Werk ins Zentrum setzt: Kuratorin Anna Schafroth traf aus dem umfangreichen, vom Sohn des Künstlers betreuten Nachlass eine Auswahl an wenig bekannten freien Druckblättern, Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen. Schafroths Untersuchungen setzen Zbindens Schaffen in den Kontext zu künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Ereignissen seiner Zeit. Und sie ermöglichen einen neuen Zugang zu einem engagierten Werk.

 

Kreativer «Steinbruch»

Schafroth vergleicht Zbindens unabhängiges Schaffen mit einem kreativen «Steinbruch»: Hier habe er ohne Auftragsverhältnis in völliger künstlerischer Freiheit wirken können. Entstanden sind dabei unübertroffen genau gestochene, souverän komponierte Landschaften wie «Winterabend bei Guggisberg» (1955), das den schneebedeckten Weiler vor einem zitronengelben Abendhimmel festhält. In der experimentell anmutenden Werkserie «Ikarus» (1969) kombiniert Zbinden sein bevorzugtes Medium, den Holzstich, mit dem Holzschnitt.

 

Gebrochenes Idyll

Die mythologische Figur des Ikarus ist dem sozial Engagierten dabei ein Bild für das rasante Wirtschaftswachstum. Ins Staunen und Schwärmen kommt man ob Aquarellen wie «Genfersee» (1945). Wie können Hände, die sonst mit Kraft und Könnerschaft spitze Stichel führen, den Pinsel so zauberhaft leicht durch Licht und Luft schweben lassen? Wie Hodler lässt der Künstler hier Himmel und See ineinanderfliessen. Und er kommt dabei zum Schluss, dass Hodler diese Landschaft unerreichbar interpretiert hat, wie Schafroth im Ausstellungskatalog festhält. Statt dem idyllischen Genfersee hat sich Zbinden seit seinen Studienjahren in Berlin und Leipzig wiederholt Vorstädten und Industrielandschaften zugewandt. Technischen Anlagen, Bahnbrücken, Kränen begegnet man in zahlreichen Zeichnungen, Skizzen und Malereien. Sie vermitteln ein widersprüchliches Bild: Als technische Meisterwerke verweisen sie auf Zbindens Faszination durch die Technik. Als Narben einer vom Mensch versehrten Natur sind sie aber auch Auseinandersetzungen mit der fortschreitenden technischen Entwicklung und deren Auswirkungen auf den Menschen. Diese Spannung zwischen Technik und Natur kommt in zwei Arbeiten zum Ausdruck, die Schafroth nebeneinander zeigt. Zweimal hält Zbinden 1958 den Piz Balzet im Bergell fest: Er schneidet ihn ins Holz als wundersam belebten Berg mit vielen Gesichtern. Und er stellt ihn massig und schwer hinter den rot leuchtenden Kabelkran, der beim Bau der Staumauer Albigna im Einsatz ist.

 

Kunst gegen Missstände

Schon als 20-jähriger Student der renommierten Kunstakademie in Leipzig, Zentrum der deutschen Buchproduktion, zeichnete er vor Ort Kohlebagger, Hinterhäuser, Fabrikanlagen und Hochöfen. Dies waren die Arbeits- und Lebensrealitäten der Arbeiterschicht. Die Weltwirtschaftskrise 1929, der Klassenkampf und der erstarkende Nationalsozialismus haben den jungen Künstler tief geprägt. So wie die Vertreter der Neuen Sachlichkeit, George Grosz, Otto Dix und ganz besonders die von Zbinden verehrte Käthe Kollwitz, suchte Zbinden lebenslang mit seinem Schaffen auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Dies tat er besonders aufrüttelnd in seinem Holzstich «Dimitrov», der den angeklagten bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrov während eines Schauprozesses der Nationalsozialisten 1933 zeigt.

Zbindens Mitgliedschaft bei der Asso, der «Association Revolutionärer Bildender Künstler Deutschland», trug ihm in der Schweiz den Ruf eines Nestbeschmutzers ein. Andere versuchten, ihn als Heimatkünstler in den Sold der geistigen Landesverteidigung zu stellen. Doch Zbinden schuf weder Bauernidyllen noch Agitationsblätter. «(...) Was mich vor allem beschäftigt, sind die Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben (...)», sagte er 1974 in einem Gespräch. So erstaunt es nicht, dass seine letzte Arbeit vom 1. Januar 1991 ein Kohleporträt eines russischen Bergarbeiters war.

 

Sarah Pfister, Der Bund, 17.9.08

 

 

In grosser Nähe zum Mitmenschen

 

Wer sich ein neus Bild oder überhaupt erst ein Bild vom Werk dieses Künstlers machen will, dem bietet die Ausstellung «Emil Zbinden 1908–1991. Für und wider die Zeit» in Bern die Gelegenheit dazu.

 

Er war kein radikaler Neuer, aber er war gewiss kein Röseligarte-Dichter mit dem Holzstichel, und er hat, seinem Credo folgend, sich nie zum Clown der Gesellschaft gemacht: Emil Zbinden, ein Künstler, der sein Leben lang einem sozialen (nicht sozialistischen) Realismus verpflichtet blieb und dem die Arbeiterkultur viel bedeutete. Kein Künstler von Weltrang vielleicht (was heisst das schon), jedoch im ganzen deutschsprachigen Raum zu seiner Zeit eine unverwechselbare Erscheinung. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Besuch der Ausstellung, die Kuratorin Anna M. Schafroth zum 100. Geburtstag von Emil Zbinden im Untergeschoss des Kunstmuseums Bern eingerichtet hat. Dort, im Vorraum und in der anschliessenden Suite von fünf Räumen, bekommen wir Einblick in ein Schaffen, das sich an der sozialen Wirklichkeit seiner Zeit orientiert, wach und mitmenschlich auf den Alltag reagiert, mit kritischem, ja unbestechlichem Blick – mit grossem Sinn für das natürlich gewachsene und für Strukturen der verschiedensten Art, Heiter-Helles, zeitlos Landschaftliches eingeschlossen.

 

(...)

 

Ganz bewusst hat man für diese Ausstellung ein frühes, politisches Werk als Plakatmotiv gewählt und ihm einen prominenten, von überall her einsehbaren Platz gegeben. Es handelt sich um den Holzstich «Dimitrov (Dimitroff)», der (ohne Zbindens Namen) erstmals Ende 1933 im Zürcher «Volksrecht» erschien (im Zusammenhang mit dem Schauprozess, den die Natioanlsozialisten veranstalteten, um den prominenten Kommunisten Georgi Dimitroff als Mitschuldigen am Reichstagsbrand abzuurteilen). 1933 befand sich Emil Zbinden, der aus einfachsten Verhältnissen stammte, wieder in die Schweiz; die prägenden Jahre in Berlin und Leipzig (1929–1931), die Beziehungen geistiger und persönlicher Art, die er dort knüpfte sollten für ihn zeitlebens wichtig bleiben.

«Dimitrov (Dimitroff)» – wie seine «Arbeiter» aus dem Jahr 1978 nach einer fotografischen Vorlage entstanden – zeigt, jenseits aller Aktualität, den melancholisch-nachdenklichen Einzelnen, dem der Tod in Gestalt zweier Militärs im Nacken sitzt: so bedrängt, so nah vor den Betrachter gerückt, dass ein Ausweg nicht möglich ist. Eines seiner Hauptwerke sei es, schreibt Anna M. Schafroth im Katalog; 25 Jahre jung war Zbinden damals, der sich selbst (im Fim von Peter Münger) als «Spätzünder» bezeichnet. Den Strich beherrscht er aber zu diesem Zeitpunkt perfekt, Werke wie «Knecht, Kornhausplatz», «Gastod» (beide 1932) oder «SA-Sturm 33» (1933) belegen es. Expressiver wird Zbinden in späterer Zeit wohl nicht mehr (vgl. die «Drei Generäle», um 1933), aber er findet besonders in seiner Paradedisziplin, der Technik der Holzstichs, zu immer feineren, reiferen Nuancierungen, zu silbern glänzenden Tönen.

 

(...)

 

«Altmeister», «Kleinmeister» – Meister auf jeden Fall. Als Illustrator der Werke von Jeremias Gotthelf, der auch hier alles genau vorbereitete und zu den Schauplätzen reiste, die er in der Literatur beschrieben fand, kennen wir ihn; das waren (siebzehn Jahre lang) Auftragswerke für die Editionen der Büchergilde, die ihm jedoch frei Hand bei dieser Arbeit liess. Die braucht man nicht zu beschreiben, doch eine Wiederbegegnung in diesem Kontext, der den eher privaten freien Arbeiten gebührenden Raum gibt, macht uns sensibel für die Leistung des Künstlers. Eines Künstlers, der die Welt nicht neu erfand, aber erhellte und in grosser Nähe zum Menschen «übersetzte».

 

Angelika Maass, Der Landbote, 18.9.08

 

 

Emil Zbinden

 

Der Berner Holzstecher Emil Zbinden (1908–1991) eroberte in den Nachkriegsjahren mit seinen Illustrationen zu Gotthelfs Gesamtausgabe der Büchergilde Gutenberg eine grosse Fangemeinde. Er verstand es, detailgetreu und mit der ihm eigenen Ironie kleine Bauersleute, Verdingkinder, aufgeblasene Dorfkönige und Angeber ins Karikaturhafte umzusetzen. Einige besonders schöne Themenblätter für den Roman «Zeitgeist und Bernergeist» aus Zbindens Nachlass sind nun im grünen Salon, dem Herzstück der Erinnerungsausstellung, aus Anlass des 100. Geburtstags des Künstlers (er wurde am 26. Juni geboren) zu sehen.

Die Drucke von Emmentaler Bauernhäusern und Landschaften, die Zbinden jeweils per Fahrrad und mit der Staffelei ausgekundschaftet hatte, bescherten dem Berner zu Zeiten der geistigen Landesverteidigung etwas vorschnell den Ruf eines Heimatkünstlers. Zbinden war aber auch Chronist seiner Generation, ein sozialkritischer, vielseitiger und handwerklich begabter Holzkünstler. Er selbst stammte aus einer kinderreichen und mittellosen Berner Familie, absolvierte eine Lehre als Schriftsetzer und bildete sich in Berlin und später an der Staatlichen Akademie für grafische Künste und Buchgewerbe in Leipzig zum Holzstecher weiter.

Wie sehr er sein Kunsthandwerk nicht nur als Einzelgänger ausübte, sondern im Dienste einer antifaschistisch gesinnten Gemeinschaft, bewies Zbinden mit der Gründung einer nationalen und internationalen Xylografen-Vereinigung. Das urbane und politisch repressive Umfeld – Zbinden musste 1931 Deutschland verlassen – wirkte sich auf die Frühwerke des Berners besonders fruchtbar aus: In der chronologisch gehängten und sorgfältig mit biografischen Details angereicherten Schau lassen der Linolschnitt eines arbeitslosen Kriegsveteranen «Schön ist das Leben» (1929) und die Holzstiche «Gastod» (1932), «SA-Sturm» (1933) oder «Dimitrov (Dimitroff)» (1934) nicht nur expressionistischen Tendenzen im Stil der herausragenden Brücke-Künstler erkennen, sondern zeugen auch von Zbindens klarsichtiger Einschätzung der politischen Lage. Der stille Chronist der kleinen Leute stellte zeitlebens Hinterhöfe, arbeitslose Menschen, Bergwerksleute oder Staudammwerke in Aquarellen und Gouachen oder Bleistiftskitzzen dar, bevor sie in Holz erarbeitet wurden. Auch wenn es der Berner Künstler mit fortschreitendem Alter zur handwerklichen Perfektion im Holzstich – nicht in der Malerei – gebracht hat und immer wieder aktuelle Misstände aufgriff, wirken die Spätwerke in ihrer naiven Ungebrochenheit für den modernen Geschmack etwas überholt. «Für und wider die Zeit» nennt sich denn auch sinnigerweise die Schau im Berner Kunstmuseum. Zbindens Geradlinigkeit und sein Berufsstolz aber berühren. «Ig bin e chli holzschnittartig gsi», meint der kleine Mann mit der Baskenmütze im wunderbaren Filmportärt von Peter Münger.

 

Feli Schindler, Tages Anzeiger, 26.9.09