Paola von Wyss-Giacosa: Religionsbilder der frühen Aufklärung

978-3-7165-1421-4

 

Die Ethnologin Paola von Wyss-Giacosa zeichnet in ihrem Buch «Religionsbilder der frühen Aufklärung» erstmals die Entstehungsgeschichte und Bedeutung der «Cérémonies» nach und rückt dabei die Bildtafeln Indiens und speziell Vishnus in den Mittelpunkt. Die Autorin geht auf den religionskritischen Impetus Picarts ein, der als französischer Katholik in Amsterdam zum Protestantismus konvertierte. Der intellektuelle Freigeist fand in den toleranten Niederlanden den geeigneten Schaffens- und Freiraum. Er setzte sich mit der Katholizismuskritik seiner Zeit und mit dem Rationalismus Descartes’ auseinander. «Den erwachenden Geist der religionskritiscnen Aufklärung verpflichtet, deuten die ‹Cérémonies› die ‹äusserlichen› Manifestationen von Religion (…) kritisch als Degenerationen einer ursprünglichen reinen Vernunftreligion, die durch die Erfindungen der Priester und die törichten Sitten der Völker verdorben worden sei.»

Fast mehr als um Religionskritik ging es Kupferstecher Picart um Ritualkritik: So stehen in den «Cérémonies» die Bilder im Vordergrund, Bilder, die nicht karikieren, sondern die Rituale ganz und gar deskriptiv abbilden. Durch die vergleichende Methode werde das Absolute, das Exklusive einer jeder Religion relativiert, so die Autorin. Die Rituale zeigten deshalb nicht ein göttliches, sondern ein menschliches Gesicht. Diese einheitliche Kritik an der Religionsausübung ist somit gerade nicht um die Abgrenzung der eigenen besseren Religion von jener der Heiden und ihrer Vielgötterei bemüht. Picart verfuhr bei aller Religionskritik nicht polemisch, sondern wissenschaftlich. Sein Opus magnum wurde zu einem ersten Versuch vergleichender Religionswissenschaft mit enzyklopädischem Anspruch, bei dem das Bild nicht bloss illustrativ, sondern Teil des wissenschaftlichen Diskurses ist. Picart pflegte eine grosse Genauigkeit in der Wiedergabe der Götterbilder und der einzelnen Rituale. Die Ästhetik steht ganz im Dienste grösserer Verständlichkeit.

So hält von Wyss-Giacosa den Wahrheitsanspruch der «Cérémonies» für viel grösser, als Fachleute dies gemeinhin annehmen. Wer die Anthologie studiere, bekomme ein erstaunlich genaues Bild von den weltweiten Religionspraktiken.

 

Michael Maier, Tagesanzeiger vom 22. Juni 2006

 

 

Die Zürcher Völkerkundlerin Paola von Wyss-Giacosa hat Bernard Picarts Tafelwerk eine vorzügliche Publikation gewidmet, in der Auge und Geist auch des spät aufgeklärten Menschen erfreut werden.

 

Ursula Pia Jauch, Neue Zürcher Zeitung vom 17./18. Juni 2006

 

 

This is the first time that Picart’s work, and especially the section on India, has been analysed and valued in an art historian’s and anthropologist’s view. The outcome is admirable; the reader gets an insight into an artist’s life as against the political and intellectual trends, information on pictorial traditions between cliché and painstaking accuracy, and, above all, the present book is another proof of the importance of the visual as a means to communicate ideas and influence worldviews and as a field of research. This well-written inquiry belongs into the library of the historian and the art historian, the theologian and the anthropologist, the indologist and every other person interested in the early Enlightenment and in the power of the visual arts.

 

Wolfgang Marschall, Anthropos Nr. 102, 2007

 

 

Im Zentrum der Analyse Wyss-Giacosas steht ein thematischer Teilbereich des Werkes, die indische Religion. Darüber hinaus liefert Wyss-Giacosa aber auch die methodischen und sachlichen Grundlagen, die weitere Forschungen auf den Weg bringen könnten. In ihrem Hauptteil (117–315) widmet sie sich den Illustrationen Picarts zu Indien, untersucht deren Quellen, ihre Funktion, ihre Deutung und Weiterverarbeitung durch die Zeitgenossen. Vorangestellt sind drei Kapitel, die auf profunde Weise den Gesamtzusammenhang verdeutlichen: zunächst Leben und Werk Bernard Picarts, dann die Konzeption der „Cérémonies“ als Buchprojekt der Frühaufklärung, wobei auch die Bedeutung des Herausgebers Jean Frédéric Bernard herausgestellt wird, und schließlich unter dem Titel „Bilder von Religion“ das Verhältnis von „Bild und Wort“ in den „Cérémonies“ und die Frage nach Picarts Quellen. Die Indien-Illustrationen zeigen Gottheiten und ihre Verehrung sowie Asketen und ihre Praktiken, außerdem religiöse Rituale, Feste und Prozessionen. Ihre Analyse ist nicht nur kulturgeschichtlich und ethnografisch aufschlussreich, indem der Blick der aufgeklärten Europäer im 18. Jahrhundert auf die indische Religion herausgearbeitet wird, sondern verweist darüber hinaus auf die Möglichkeiten und Grenzen, die überhaupt mit der Illustration von unbekannten oder fremden Phänomenen gegeben sind. (…)

Die Untersuchung Wyss-Giacosas zeigt exemplarisch an der Religion Indiens die konzeptionelle und inhaltliche Vielschichtigkeit dieses Werkes und lädt Religions- und Kulturwissenschaftler dazu ein, den damit gewiesenen Wegen weiter nachzugehen.

 

Anne Conrad in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9, <http://www.sehepunkte.de/2007/09/12128.html>

 

 

... Die Ethnologin Paola von Wyss-Giacosa zeichnet in ihrem Buch «Religionsbilder in der frühen Aufklärung» erstmals die Entstehungsgeschichte und Bedeutung der «Cérémonies» nach und rückt dabei die Bildtafeln Indiens und speziell Vishnus in den Mittelpunkt. Die Autorin geht auf den religionskritischen Impetus Picarts ein, der als französischer Katholik in Amsterdam zum Protestantismus konvertierte. Der intellektuelle Freigeist fand in den toleranten Niederlanden den geeigneten Schaffens- und Freiraum. Er setzte sich mit der Katholizismuskritik seiner Zeit und mit dem Rationalismus Descartes' auseinander. «Dem erwachenden Geist der religionskritischen Aufklärung verpflichtet, deuten die <Cérémonies> Manifestationen von Religion (...) kritisch als Degenerationen einer ursprünglichen, reinen vernunftreligion, die durch die Erfindungen der Priester und die törichten Sitten der Völker verdorben worden sei.» (...) Picart pflegte eine grosse Genauigkeit in der Wiedergabe der Götterbilder und der einzelnen Rituale. Die Ästhetik steht ganz im Dienste grösserer verständlichkeit.

So hält von Wyss-Giaconda den Wahrheitsanspruch der «Cérémonies» für viel grösser, als Fachleute dies gemeinhin annehmen. Wer die Anthologier studiere, bekomme ein erstaunlich genaues Bild von Vishnu. Zumal religiösen Praktiken über die Jahrhunderte hinweg ein konservatives Beharrungsvermögen eigen ist.

 

Michael Meier, Tagesanzeiger, 22.07.2006