Regula Tschumi, Die vergrabenen Schätze der Ga: Sarg-Kunst aus Ghana

978-3-7165-1413-6

 

Letzte Reisen

Die Grossmutter eines Schreiners aus Ghana träumte davon, einmal mit einem Flugzeug zu fliegen. Der Enkel erfüllte den Wunsch postum und zimmerte ihr einen Sarg in Flugzeugform. So berichtet eine von vielen Legenden, die sich um die Entstehung der traditionellen Figurensärge im Süden Ghanas ranken. Um 1950 wurden von dem Volk der Ga die ersten Särge in Form von Tieren, Früchten und Booten gebaut. In ihrem ansprechenden, reich bebilderten Buch "Die vergrabenen Schätze der Ga" erklärt die Berner Ethnologin Regula Tschumi Herstellung und Bedeutung der farbenfrohen Särge. Sie erläutert religiöse und künstlerische Überlieferungen und skizziert die Geschichte Ghanas. Anschaulich berichtet sie, wie aus Holzbrettern, Gipspaste und Farbe satingefütterte Maiskolben- oder Fisch-Särge entstehen: opulente Schaustücke, die auf den Beruf des Verstorbenen verweisen. Oder auf die Wünsche der Auftraggeber, zu denen seit Beginn der 1990er-Jahre immer häufiger Museen und Sammlungen in Europa und den USA zählen.

 

Der Bund, 16.12.2006 (Alice Henkes)

 

 

Bunte Pracht für den letzten Weg

Der Hahn steht so stolz im Hinterhof einer Schreinerei in Accra, als wäre er für einen Festumzug gemacht. Seine bunte Pracht wird zwar eine Prozession überstrahlen, diese wird aber diejenigen, der das Tier anfertigen liess, zu seiner letzten Ruhestätte begleiten. Die Figurensärge werden in der Umgebung der Hauptstadt Ghanas seit 1950 zur Bestattung von Toten benutzt. Ihre Motive haben mit dem Beruf oder der gesellschaftlichen Stellung der Verstorbenen zu tun und sollen ihnen helfen, ihr Leben auf Erden im Jenseits fortzusetzen. In Europa waren sie erstmals 1989 bei der Pariser Ausstellung "Magiciens de la Terre" zu sehen. Regula Tschumi fächert in der ersten umfassenden Studie die gesellschaftlichen, rituellen und handwerklichen Hintergründe dieser Sarg-Kunst auf und reichert ihre Studie mit opulenten Bildern an.

 

NZZ am Sonntag, 26.11.2006 (gm)

 

 

Begraben in einem Hahn

In einem Hahnen-Sarg begraben zu werden, gilt in Ghana als grosse Ehre. Aber es kann je nach Beruf oder Clan-Zugehörigkeit auch eine Kuh, eine Krabbe, ein Boot oder gar ein Mercedes sein. Diese grossartigen Holzobjekte tauchten 1989 erstmals im westlichen Kunstbetrieb auf. Und sorgten für Furore- und falsche Theorien. Die Berner Ethnologin und Kunsthistorikerin Regula Tschumi schreibt nun in ihrem neuen Buch "Die vergrabenen Schätze der Ga" die wahre Geschichte der Särge aus Ghana. Sie zeigt, wer sie entwickelt hat, wie sie sich in die Tradition des Volkes der Ga einschreiben und wie sie hergestellt werden. Diese Recherchen sind deshalb so beachtenswert, weil es die Autorin versteht, wissenschaftliche Erkenntnisse mit ihren ausführlichen, engagierten Feldforschungen zu verbinden. So gibt sie Einblicke in Begräbnisrituale, die den westlichen Besuchern von Ghana sonst verborgen bleiben. Und der Ausstellung "Six Feet Under" (Kunstmuseum Bern bis 21. Januar 2007) verhalf sie zu einem überraschenden Schwerpunkt.

 

Berner Zeitung, 2.11.2006 (kt)