Hans Erni



 

 

Hans Erni

Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Kunstmuseum Luzern, 24.5.–4.10.09

ISBN 978-3-7165-1597-6

 

 

Jetzt wird auch Ernis Fiche öffentlich

... Das Werk selber steht im Mittelpunkt des Katalogs, den Peter Fischer, Direktor des Kunstmuseums Luzern, zur Retrospektive aus Anlass des 100. Geburtstags von Hans Erni herausgegeben hat. Hier würdigt Stanislaus von Moos in aller Detailschärfe das Landi-Bild, und Serge Lemoine schreibt erhellend über den «Meister der abstrakten Kunst». Ein eigenes Kapitel gilt der Plakatkunst Hans Ernis, mit der sich Claude Lichtenstein auseinandersetzt.

 

Urs Bugmann, Neue Luzerner Zeitung, 20. Juni 2009

 

 

Als Naturereignis ist Hans Erni unantastbar

 

Eine umfassende Retrospektive für einen Unfassbaren: Das Kunstmuseum Luzern fächert das Lebenswerk von Hans Erni auf. Es erstreckt sich über acht Jahrzehnte.

 

Für die Schweiz beginnt der öffentliche Lebenslauf von Hans Erni im Frühjahr 1935, mit der Ausstellung «These, Antithese, Synthese», die heute noch als ein Meilenstein bildnerischer Konfrontation gilt. Der damals 26-jährige Jungkünstler, für die Idee, den Titel und die Auswahl der Exponate verantwortlich, brachte die Berühmtesten der Avantgarde nach Luzern, von Arp über Max Ernst und Paul Klee bis Picasso. Seine eigene Werkgruppe platzierte der unverfrorene Prognostiker zur Sicherheit in den Hauptsaal, neben Alberto Giacometti und Wassily Kandinsky. Vier Jahre später brillierte Erni bei der Landesausstellung in Zürich mit dem riesigen Wandbild «Die Schweiz, das Ferienland der Völker». Der Star war geboren, der Weg zum Glück offen. Überlebender eines Jahrhunderts

 

Piloten-Brevet

An Selbstbewusstsein und Ehrgeiz hat es ihm nie gefehlt. Wissensdurstig verschlang der Sohn eines Schiffsmechanikers die verfügbare philosophische und naturwissenschaftliche Lektüre und diskutierte nächtelang mit seinem marxistischen Mentor Konrad Farner. Es diente seinem Werk, das sich explosionsartig vermehrte. Hans Erni war mehr als aktiv. Gut aussehend, freundlich im Umgang, wusste er unzählige Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Dass es dabei nebst Zeichnen, Malen, Bildhauern und Radieren noch Zeit für allerlei Sport und sogar für ein Piloten-Brevet gab, grenzt fast an ein Wunder. Gern gesehen, liess er sich gerne sehen. Alexander Calder beschenkte ihn in London mit einem frühen Mobile. Piet Mondrian wischte ihm in Paris den Staub von den Schultern. Tolerant wie ein wahrer Humanist, verkehrte Erni mit Adel, Künstlern und Genossen Funktionären und überlebte sie schliesslich alle, auch sein eigenes Jahrhundert.

 

Gesund, wie immer strahlend und unermüdlich aktiv, bleibt der Künstler mit seinem numerisch exorbitanten Werk allein – ein zwiespältiges Privileg. Als Naturereignis ist Hans Erni unantastbar, man kann ihm mit Ehrfurcht zuhören, nicht aber widersprechen, da andere Zeitzeugen fehlen. Das Unbehagen ist auch im publizierten Katalog-Interview mit Hans Ulrich Obrist, Philip Ursprung und Dora Imhof spürbar: Zu wenig Mut, zu wenig historische Erfahrung bei Fragen? Überhaupt belastet die einmalige Situation die kunstkritische Handlungsfähigkeit deutlich: Wie soll man aus dem schwindelerregend grossen, nicht abgeschlossenen Werk eine Auswahl für eine «stimmige» Retrospektive treffen, wenn der Künstler selbst nicht insistiert? Streng chronologisch, ein Bild pro Jahr? Als eine Konfrontation von thematischen Gruppen und verwandten Motiven?

 

Peter Fischer konzipiert die Schau wie eine endlose Schleife, die formalästhetisch von der farbigen Fanfare der «Landesausstellung» ausgeht und über verschiedene Themenvariationen zurück zum «Ferienland der Völker» kehrt. Das grösste Schulbild der Schweiz beeindruckt nicht nur seiner Dimensionen wegen. Gekonnt verwendet Erni ethnologische Fotos und Bilder von Holbein und Niklaus Stoecklin als Modelle und kombiniert sie wie im Film zu naturgetreuen Erzählungen, deren Rhythmus dekorativ abstrakte, eingeschobene Elemente bestimmen.

 

Mühelose Synthesen

Die gesellschaftliche, kulturhistorische Auffassung übersteigt das Niveau einer Ferienwerbung und erinnert – vielleicht nicht zufällig – an die Konzepte der mexikanischen «Murales» von Diego Rivera und David Alfaro Siqueiros, die damals von den Linken als befreiende Alternative zum dogmatischen sozialistischen Realismus der Sowjetunion wahrgenommen wurden. Auf jeden Fall hat Erni, der Mitbegründer der internationalen Gruppe «Abstraction – Création», bereits 1939 seine Synthese gefunden: Je nach Bedarf, Lust und Laune bringt er Realistisches und Ungegenständliches mühelos zusammen, um ästhetische Orthodoxie und Vorwürfe des Eklektizismus kümmert er sich nicht. Auch die rein abstrakte Phase, in Luzern vorbildlich vorgestellt, zeigt eher Eleganz als Strenge. Organische und rein konstruierte Formen verschwistern sich und kulminieren in der grafisch souveränen Suite «Panta Rhei». Ihre feine Wellen-Lineatur zusammen mit hyperbolischen Paraboloid-Kurven, die der russische Konstruktivist Naum Gabo skulptural etablierte, begleiten ab da thematisch unabhängig das ganze Œuvre.

 

Überhaupt hat man das Gefühl, dass mit der Zeit ein enormer Formenspeicher entsteht, der, richtig programmiert, das Gelingen jeder Bildtafel in allen Grössen garantiert. Als Auslöser dient immer eine barock animierte, schnelle Linie. Der Pinsel zeichnet, nicht das Hirn oder die Hand. Die Farbe hat nur eine kolorierende Funktion, die räumliche Situation ist meist mit Sandboden oder einem dekorativen Segment angedeutet. Über der Bildfläche wuchern weiche, fast androgyne Körper und führen eine allegorische oder erzieherische Erzählung vor. Gefühlsregungen aber sind nicht ablesbar.

 

Präzision und Produktivität

Die 230 ausgewählten Arbeiten, die jüngsten davon im Herbst 2008 datiert, bilden einen schwer definierbaren, inhaltsschweren Strom, der mit dem «Modell der Berliner Akademie» beginnt. Was für ein Bild! In der kühnen, aber auch nostalgischen Montage zwischen Neuer Sachlichkeit und klassischer Malweise von Edouard Manet konzentriert sich die Pointe auf den leeren Zwischenraum. Der 21-jährige Draufgänger konnte damals schon alles, nur von dem Fluch schneller Virtuosität hat er nichts gewusst.

 

Sechzehn Jahre danach verewigt sich der erfahrene Dialektiker in einem seltsam glühenden Autoporträt als ein leicht misstrauischer Denker. In der Hand hält er als Leistungsbeweis eine grau-schwarzweisse Zeichnung à la mode de Guernica. Immer stark didaktisch motiviert, belehrt sich der Maler diesmal selbst: Hans Erni, ein Vorzeigebeispiel schweizerischer Präzision und Produktivität mit Konsens.

 

Ludmilla Vachtova, Tages-Anzeiger, 27. Mai 2009