Für den Tag – Über den Tag hinaus

ISBN 978-3-7165-1575-4

 

 

Der Kunstkritiker, der nie die Neugierde verlor

 

Über vier Jahrzehnte lang schrieb Fritz Billeter als Kritiker über Kunst. Jetzt liegen 60 seiner scharfsinnigen Texte in einem Sammelband vor.

 

Was Journalisten meist unter Zeitdruck schreiben, gilt dem Tag. Was aber bleibt, wenn der Tag um ist? Was bleibt von vier Jahrzehnten Journalismus und Kunstkritik? Fritz Billeter legt 6o Texte aus den Jahren von 1966 bis 2008 vor, die er als Kulturredaktor und freier Journalist unter anderem für den TA schrieb.

 

Ein «Kunstpapst» sei Fritz Billeter gewesen, schreibt Guido Magnaguagno, bis vor kurzem Direktor des Tinguely-Museums in Basel, im Vorwort. Das stimmt, was Reputation und Resonanz betrifft, aber von päpstlicher Alleinseligsprechung findet man bei Billeter keine Spur. Zu differenziert beschreibt er gestalterische Prozesse, und zu tief und respektvoll ist sein Wissen um das komplexe Wesen von Künstler und Kunst, um zu simpel-plakativen Behauptungen zu gelangen. Was keineswegs heisst, dass er sich vor Urteilen drückt: Bei pointierten Stellungnahmen benutzt er die (damals verpönte) Ich-Form.

 

Von Beginn an unabhängig

Schon der erste Text von 1966 zeigt die Unabhängigkeit seiner Haltung und seines Blicks: Der 80-jährige Kokoschka erhält eine Feierstunde im Kunsthaus Zürich, wird mit Picasso verglichen. Billeter aber sieht den «um zwei Generationen verspäteten Impressionisten mit einem Zusatz von Wiener Schule um 1900». Anstatt den Verriss auszukosten, gibt er «anderseits» zu: Als Porträtkünstler um 1910 sei Kokoschka unerreicht. Das ist fairer Journalismus ohne Angst vor dem «Ja, aber».

 

Ansonsten findet die klassische Moderne wenig Raum. Billeter interessiert die brodelnde Gegenwart. Ist Yves Klein ein Paradiessucher oder ein Scharlatan? Was lernt man beim Erfinder Marcel Duchamp über den schlechten Geschmack? Zugleich legt Billeter Spuren durch die Zeit, vergleicht Beckmanns verwinkelte Räumlichkeiten mit der Spätgotik, entdeckt in Kienholz' Figurengruppen etwas von der Ideologie des Surrealismus, ahnt in der Heiterkeit von Pop die Verschleissbarkeit von Dingen – und von Menschen. Dank solcher kunst- und sozialgeschichtlicher Bögen wird die Schweiz- und Zürich-Lastigkeit der Auswahl nie provinziell.

 

Nicht auf hohem Ross

Billeter – auch hier nicht auf hohem Ross – mischte sich ein und half mit, die Produzentengalerie zu gründen, eine nachahmenswerte Selbstorganisation von Künstlern. Er sass in Ateliers und sympathisierte mit den 68ern. In seinen Berichten über die «Krawalle» ist das Verständnis des Autors spürbar. Aber vereinnahmen lässt sich Billeter nie. Seine Chronik der Ereignisse und des gesellschaftlichen Wandels ist eine unbestechliche und luzide Analyse der Unruhen und ihrer Folgen. Er ist der Meister der journalistisch gewagten Balance von Nähe und Distanz.

 

Zum Engagement eines angesehenen Kritikers gehört, dass er Sicherheiten anzweifelt, die Neugier nicht verliert und dass ihn Fragen hartnäckig umtreiben. So grübelt er über Jahre, ob «Heil und Heilung vom Magier Beuys» kommen; bis er im dritten Anlauf gesteht, sich zu «mühen mit Beuys». So kann er aber auch einen Künstler wie Gerhard Richter, der ihm «Rätsel» aufgibt, zum Gespräch bitten. Daraus entsteht ein wunderbar nachdenklicher Essay über die «grundsätzliche Unverständlichkeit und Undurchschaubarkeit unserer Situation», die Richter gleichnishaft in seine Bilder hereinholt.

 

Von mathematischer Strenge zu blühende Gärten

Wenn Billeter abschliessend bemerkt, dass «Kunst für einen, der sich und der Gesellschaft gegenüber ehrlich bleibt, zurzeit nur gerade noch knapp möglich ist», hat dies wohl auch mit seiner eigenen Wahrheitssuche zu tun. Aber auch damit, dass er auch dann noch vorurteilsfrei auf einen Künstler eingeht, wenn der den Rang eines Gerhard Richter erreicht hat. Sein Verständnis klebt dabei nie an Stilvorlieben: Drei seiner schönsten Texte gehören Richard Paul Lohse, der ihm aufgrund des Alters und Werks nicht unbedingt nahesteht. Billeter zeigt, wie Lohse aus «mathematischer Strenge blühende Gärten» wachsen lässt, und er beschreibt auch den grossen, gütigen Menschen hinter der strengen Künstlerfassade. Die Brillanz der Sprache entspricht dem Glanz des bildnerischen OEuvres. Bloss die vielen Druckfehler dieser Ausgabe entsprechen nicht der Präzision der Texte.

 

Sind Billeters Texte tatsächlich «über den Tag hinaus», wie es der Buchtitel verspricht? Ja. Die Leser erfahren Neues oder Bekanntes aus originaler, kenntnisreicher Sicht. Und man wird mitgerissen von einer Schreibkunst, die objektive Information mit jenem Lebensstoff verbindet, von dem Billeter sagte: «Zorn und Liebe sind aufschliessende Existenzialien.»

 

Annemarie Monteil, Tages-Anzeiger, 11. Juli 2009