Naomi Leshem - Runways

978-3-7165-1582-2

 

Runways

Die israelische Fotografin Naomi Leshem schafft mit dem Zyklus «Runways» Fotografien in einer neuen Bildsprache zum Umgang mit dem Verschwinden und Vergehen, dem Tod.

 

Profifoto, Mai 2009

 

 

Die Unschuld der Bilder

Die grossformatigen Fotografien der in Tel Aviv lebenden Naomi Leshem erzählen Geschichten, die erst sichtbar werden, wenn man erfährt, was zu einer bestimmten Aufnahme geführt hat. Der Zyklus «Runways» hat ihrem neuen Fotoband den Namen geliehen. Er zeigt junge Frauen, die auf einer Landebahn eines der neun israelischen Militärflugplätze stehen, sitzen oder davonrennen: Es sind junge Frauen, die demnnächst ihren obligatorischen Militärdienst antreten müssen.

Für die Bildserie «Lizette» hat Leshem in Petach Tikva, einem Ort östlich von Tel Aviv, zwischen September 2007 und Oktober 2008 jeweils zwischen dem 17. und dem 19. des Monats am Mittag fotografiert. Wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten geschrumpft sind, hat sie im 17. Geschoss, vom Balkon der Wohnung von Lizette aus, ihre Hasselblad gegen Osten gerichtet und den immer gleichen Ausschnitte gesucht. Im Hintergrund sind die Häuser von Ariel in der besetzten Westbank zu erkennen und am Horizont knapp die Hügel von Samaria. So sind über die Zeit vierzehn Fotos entstanden, die zum Vergleich einladen. SIe zeigen, wie das Grün vom Braun der Trockenzeit abgelöst wird, wie der Friedhof in der Nachbarschaft wächst, dunkle Wolken aufziehen oder die Landschaft im Dunst zu verschwinden droht.

Im Zyklus «Way to Beyond» gehört zu jedem Foto eine Geschichte des Verschwindens. Eine fadengrüne Strasse durch die Wüste, am Rand einige Palmen, ein weisser Sicherheitsstreifen und zwei gelbe Spurbegrenzungen sind zu sehen. Das Foto zeigt die Stelle, an der eine junge frau bei einem Motorradunfall ihr Leben lassen musste.

Naomi Leshem hat sich lange mit Architekturfotografie beschäftigt, was man den streng komponierten Aufnahmen im Fotoband «Runways» ansieht. Er zeigt Orte, die «bleiben, während die Menschen, die sie bevölkern, wieder verschwinden», schreibt der Koherausgeber und Publizist Michael Guggenheimer im Begleittext zum Buch. Es ist ein Text, der die Geschichten hinter den Bildern erst «sichtbar» macht und ihnen so eine neue Dimensuio verleiht. Man kann die Geschichten der Bilder kennenlernen – oder ihnen ihre Unschuld lassen.

 

Fredi Bosshard, WOZ Die Wochenzeitung, 2. Juli 2009