Hans Brühlmann (1878–1911)

978-3-7165-1572-3

 

 

Wege des Expressiven

 

Hans Brühlmann (1878–1911) ist kein Unbekannter unter den Malern und Zeichnern, aber einer, der immer noch zu entdecken ist. Eine Übersichtsschau in der Fondation Saner in Studen lädt ein zur Wiederbegegnung und Neubeurteilung dieses Künstlers.

 

Er hat ein reichhaltiges Oeuvre hinterlassen, in dem auch ein Versprechen für die Zukunft lag. Dass es diese Zukunft nicht gab, hat mit seinem frühen Tod zu tun – er wurde nicht älter als dreiunddreissigeinhalb Jahre. Hans Brühlmann war keiner jener "Frühvollendeten", bei denen alles schon in jungen Jahren da ist. Doch wenn man ihm und seinem Werk nun, aus der Distanz der Jahre, begegnet, wird deutlich, wie sehr er dazugehört, in den Kontext der ganz Grossen, ohne selbst ein ganz Grosser zu sein, weil ihm die Lebenszeit fehlte, es zu werden. Denn eigentlich wäre Hans Brühlmann, 1878 in Amriswil geboren, aufgewachsen in Egelshofen, Rheineck und Ebnat, ausgebildet vor allem an der Akademie Stuttgart, der Stadt, wo er sich (von vielen Aufenthalten in der Schweiz unterbrochen) auch niederliess und sich 1911, schwer an den Folgen einer Syphiliserkrankung leidend, das Leben nahm – eigentlich wäre Hans Brühlmann der Avantgarde zuzurechnen. Das ist vom aufmerksamen Betrachter vor den Bildern dieser Ausstellung, rund fünfzig Werken in Öl und dreissig Zeichnungen (meist Bleistift), zu erahnen, das erfährt der Leser im Katalog.

 

Ein Moderner

Brühlmanns Modernität sei durchaus vergleichbar mit der von Cuno Amiet und Giovanni Giacometti (beide ein Jahrzehnt älter als Brühlmann), stellt Rudolf Koella, der Kurator der Ausstellung, fest. "Wäre er wohl wie Klee ein paar Jahre später zur Abstraktion vorgestossen?" So wie Johannes Itten, Oskar Schlemmer und Willi Baumeister, die (alle ein Jahrzehnt jünger) wie Brühlmann in Stuttgart Schüler von Adolf Hölzel waren? Matthias Frehner geht in seinem Katalogbeitrag noch weiter und sagt mit Blick auf Brühlmanns "inoffizielles" Spätwerk, das der Künstler als Kranker während seiner Aufenthalte in psychiatrischen Heilanstalten schuf. "Hätte Hans Brühlmann die Freiheit, die er in seinen dioysisch entfesselten `Gefangenenbildern` erlangt hatte, weiterentwickeln können, vermöchte die Schweizer Kunstgeschichte der Moderne nicht nur den kultiviert-geläuterten Brücke-Kolorismus eines Cuno Amiet und Giovanni Giacometti vorzuzeigen. Sie besässe darüber hinaus auch einen Maler, der vor dem Ersten Weltkrieg wie Ernst Ludwig Kirchner oder Oskar Kokoschka den `Tanz auf dem Vulkan` in eine expressionistische Bildwirklichkeit transferiert hätte." Für dieses Spätwerk und für die vielen Bleistiftzeichnungen, die in Brühlmanns letzten zwei Lebensjahren entstanden, wäre also eine Neubewertung wünschenswert. Ausstellung und Buch könnten dazu beitragen.

 

Angelika Maass, Der Landbote, 14.02.2009