Silvia Volkart: Richard Kisling – Sammler, Mäzen und Kunstvermittler
978-3-7165-1464-1
Propaganda für «extremste Kunst»
Monografie über den Sammler und Kunstvermittler Richard Kisling
Die Zürcher Kunstgesellschaft wurde in den Jahrzehnten nach ihrer Gründung geprägt von Richard Kisling (1862–1917). Seine Tätigkeit stellte die entscheidenden Weichen für die heutige «Kunststadt». Eine Monografie beleuchtet die für die Zürcher Moderne wichtige Figur.
Das Vorhaben, eine 1929 in alle Winde zerstreute Kunstsammlung in einem Buch zu rekonstruieren, erscheint einigermassen absurd. Doch die kulturhistorische Ausstrahlung des Sammlers, dessen Kollektion wenige Jahre nach seinem frühen und überraschenden Tod 1917 aufgelöst wurde, rechtfertigt die Idee der Kunsthistorikerin Silvia Volkart. Der 1862 geborene Richard Kisling hat in Zürich ein positives Klima für moderne Kunst geschaffen, das bis in die heutige Zeit nachwirkt. Als einflussreiches Vorstandsmitglied der Kunstgesellschaft war der Eisenwarenhändler befreundet mit Künstlern wie Hodler, Amiet und Giovanni Giacometti. Das blieb für die Ausstellungs- und Sammlungspolitik des Kunsthauses Zürich nicht ohne Folgen. Auch privat erwarb Kisling im Laufe seiner Tätigkeit über viertausend Objekte, darunter auf Empfehlung Cuno Amiets für 2000 Franken Vincent van Goghs spätes Doppelporträt «Les deux enfants».
Urs Steiner, Neue Züricher Zeitung, 2. April 2008
Mit Mut für die zeitgenössische Kunst
Kunst war ihm «ein unverzichtbares Lebenselixier». Nun würdigt Silvia Volkart in einem Bildband den Zürcher Sammler und Kunstvermittler Richard Kisling (1862–1917) und rekonstruiert einen Teil seiner einst riesigen Sammlung.
«Sie können dann wieder mit finsterer Miene die Geschmacklosigkeiten betrachten, die ich gewollt & und nicht gewollt zu erwerben nicht unterlassen konnte.» «Sie»: damit ist Cuno Amiet gemeint, der zu den Wegbereitern der Schweizer Moderne zählt. Der Briefschreiber und Erwerber der «Geschmacklosigkeiten» aber ist Richard Kisling, auch er ein Wegbereiter der Moderne, als Sammler nämlich, als Mäzen und als Vermittler – und nicht zu verwechseln mit dem um einige Jahre älteren Richard Kissling, dessen Wilhelm Tell auf dem Rathausplatz in Altdorf jeder kennt.
Richard Kisling (1862–1917), in Zürich geboren, in Zürich ein Leben lang zu Hause, wo er als ältester Sohn 1908 das Geschäft seines Vaters (am heutigen Limmatquai) übernimmt und zum führenden Handelshaus für Eisen- und Haushaltsartikel ausbaut – wer kennt ihn? Kunstkenner stossen immer wieder auf seinen Namen, vor allem am Rande. Nun aber ist ein reich bebilderter Prachtband erschienen, der den engagierten Mann und Vermittler par excellence, dem auch das Kunsthaus Zürich so viel verdankt, ins rechte Licht rückt. Die Winterthurerin Silvia Volkart, seit Langem mit dem Thema befasst, zeigt Qualitäten und Eigenheiten einer achtzehn Jahre dauernden Sammeltätigkeit auf, lässt in ausgewählten Briefzitaten einen erfrischend sympathischen Menschen gegenwärtig werden, vertieft einzelne Beziehungen zu von Kisling geförderten Künstlern und erinnert immer wieder daran, wie wichtig und wegweisend er war für die Ausstellungspolitik des Zürcher Kunsthauses, einer damals Massstäbe setzenden Institution.
Manchmal zu modern Wir wissen nicht, auf welche «Geschmacklosigkeiten» sich Kisling in seinem vor hundert Jahren, am 4. Februar 1908, geschriebenen Brief bezieht, und natürlich ist das Wort vor allem ironisch gemeint. Wie viel Ernst dennoch dahintersteckt, zeigt sich etwa an den Reaktionen von Presse und Publikum auf Ausstellungen, die Kisling als Mitglied der Ausstellungskommission der Zürcher Kunstgesellschaft mitverantwortete. So wurden die Avantgardisten, die sich in dem von Hans Arp, Walter Helbig und Oscar Lüthy gegründeten «Modernen Bund» zusammengeschlossen hatten, in der Ausstellung des noch jungen Zürcher Kunsthauses, 1912, aufs Heftigste angefeindet. Und als Richard Kisling im Jahr 1913, während des Umzugs in seine (ebenfalls von Karl Moser erbaute) Villa mit Galerietrakt, einen gewichtigen Teil seiner Sammlung im Kunsthaus zeigt, findet man zwar Gefallen an den Werken so etablierter Künstler wie Hodler, Amiet oder Giovanni Giacometti; die Jungen aber – Kubisten, Expressionisten, Fauves, die erwähnte und von «Papa Kisling» grosszügig unterstützte Avantgarde – finden keine Gnade.
Wie hat alles angefangen, was dann verhältnismässig früh wieder verloren ging? Ganz spontan vermutlich. Eine einfache Landschaft des jungen Waadtländers Max Robert Theynet, 1898, ein paar Jahre später eine Tierdarstellung von Rudolf Koller, gefolgt von diversen Gelegenheitskäufen, dann, im Jahr vor Kollers Tod, ein ganzes Ensemble seiner Werke. Koller also, dessen 70. Geburtstag 1898 in Zürich mit Jubiläumsausstellungen gewürdigt wurde und dem Kisling als Kollegen in der Ausstellungskommission der Zürcher Kunstgesellschaft begegnete, als Grundstock einer Sammeltätigkeit, die sich rasch in die Gegenwart ausdehnte. Weitere Kommissionskollegen, die künstlerisch tätig waren, trugen zur Vergrösserung der Sammlung bei und stellten Verbindungen zu jungen Talenten her (darunter Augusto Giacometti), denen der für Neues und Unkonventionelles offene Sammler mit anteilnehmender Neugier begegnete.
Cuno Amiet, nur ein paar Jahre jünger als Kisling, steht ganz oben auf der kislingschen Werteskala: Durch ihn, dem er auch in grosser Freundschaft verbunden war, kommt ihm die Welt viel farbiger vor. (Werke, in denen die Welt farbig aufscheint, gehören denn auch zu Kislings bevorzugten Sammelobjekten.) Durch ihn, Amiet, angeregt, ersteht der Sammler ein Spätwerk van Goghs und wird so zum ersten Besitzer eines Van-Gogh-Bildes in der Schweiz. Werke von Nicht-Schweizern bleiben aber die Ausnahme in dieser Sammlung (Kislings finanzielle Mittel sind nicht unerschöpflich), und es sind die lebenden Künstler, die Eingang in sie finden. Grosse Namen: Ferdinand Hodler, mit Akzent auf dem Frühwerk («Das mutige Weib», 1896, das sich im Boot durch die Wellen kämpft, ist das teuerste Kunstwerk, das Kisling je erworben hat); Giovanni Giacometti, auch er ein häufiger Gast im Haus des Zürchers; Albert Trachsel mit seinen symbolistischen Traumlandschaften. Auch die nicht ganz so grossen Namen – wie Hermann Huber, Albert Pfister oder Reinhold Kündig – sind, zum Beispiel, mit oft überraschenden, expressiven Landschaften vertreten.
Gegen alle Widerstände Auf Aberhunderte von Objekten wuchs Kislings Sammlung im Laufe der Zeit an, eine Sammlung, die sich einst der Allgemeinheit hätte öffnen sollen. Aber dann starb der Kunstliebhaber, der sich auch für die französische Moderne eingesetzt hatte und dem Musik viel bedeutete. Was hätte zusammenbleiben sollen, wurde zerstreut; nach einem Vorverkauf an Private und an Museen wurde die Sammlung im November 1929 versteigert.
Was bleibt? Viel. Und die Erkenntnis, dass Zürich nicht erst mit dem Dadaismus «eine kulturell lebendige Stadt mit internationaler Ausstrahlung» wurde: «So mutige Persönlichkeiten wie Richard Kisling und seine Weggefährten» haben das Terrain «vorbereitet, in dem sie den gestalterischen Kräften ihrer Zeit – gegen alle Widerstände – ein Forum zur Verfügung stellten und damit die Diskussion um zeitgenössische Kunst überhaupt ermöglichten».
Angelika Maass, Der Landbote, 26. April 2008
Richard Kisling
... Die Kunsthistorikerin Silvia Volkart hat in aufwändiger Recherchearbeit Fakten, Dokumente und Abbildungen zusammengetragen und in einer umfassenden Publikation die Sammlung (teil)rekonstruiert. (...) So klein und bescheiden die Schau im Kunsthaus wirkt, so lesenswert nimmt sich das «imaginäre Museum Kisling» als Teil einer lokalen und doch weitreichenden Zürcher Kunstgeschichte zwischen Buchdeckeln aus.
Feli Schindler, Tages-Anzeiger, 13. August 2008
Aus der Gründungszeit
... Vertiefende Informationen spenden Texte der Kunsthistorikerin Silvia Volkart, von der kürzlich im Berner Benteli-Verlag eine umfangreiche Monografie zu der pionierhaften Gestalt aus der Gründungszeit des Kunsthauses erschienen ist. Insgesamt bietet die Accrochage "Richard Kisling. Ein Haus für die Avantgarde" einen erhellenden Querschnitt durch den Aufbruch der Schweizer Kunst in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.
Torbjörn Bergflödt, Südkurier, 29. August 2008
