Carolin Seeliger / Tobias Wenzel: «Was ich mich immer schon fragen wollte: 77 Schriftsteller im Selbstgespräch»
978-3-7165-1531-0
Das ganze Buch eine unerschöpfliche Fundgrube von kleinen und großen Weisheiten – und jedes nachdenkliche Schriftstellergesicht zutiefst berührend!
Ulrike Sárkány, NDR Hörfunk, 28. Mai 2008
Sagen Sie mal...
Berühmte Schriftsteller stellen sich die Frage, die sie schon immer beantworten wollten
Besondere Momente stellen sich in Interviews nur selten ein. Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint oder sich plötzlich etwas völlig Neues auftut. Statt dessen meist: Frageroutinen und Standardantworten.
Die Fotografin Carolin Seeliger und der Journalist Tobias Wenzel, zwei Norddeutsche, haben die Situation jetzt umgekehrt. Bekannte bis berühmte Autoren konnten sich selbst das fragen, was sie schon immer einmal beantworten wollten. Und dabei wurden sie fotografiert. So ist ein prächtiger Bildband mit 77 Schwarzweiss-Fotografien von Schriftstellern entstanden, aus dem die SonntagsZeitung exklusiv elf der spannendsten Selbstbefragungen vorab druckt.
Die Fragen reichen von Gott bis zu Bananenschalen
Die analoge Grossformatkamera konzentriert sich dabei stets ganz auf das Gesicht: die Augen messerscharf, die Randbezirke immer mehr ins Unscharfe abgleitend. Und daneben stehen Frage und Antwort. Häufig fallen beide kurz aus, manchmal aber auch ausführlich wie bei Adolf Muschg (siehe Seite 51). Es kann um grosse Themen gehen wie Gott (Frank McCourt) oder ganz kleine wie Bananenschalen (Donna Leon).
Manchmal werden die Autoren richtig frech: «Haben Sie überhaupt irgendeine Ahnung vom Schreiben?» fragt sich der Engländer Michael Frayn. Oder ziemlich kaltschnäuzig. Wie im Fall von Richard Ford: «Weisst du, was wichtig für dich ist?» Seine Antwort: «Nein, aber ich lege mir etwas zurecht.»
Schriftsteller aus vielen Ländern haben sofort mitgemacht. Doch es gab auch Absagen. So empörte sich der Inder Vikram Seth: «Ich kann doch nicht auch noch die Arbeit der Journalisten übernehmen.» Der Russe Vladimir Sorokin antwortete lapidar: «Ich bin noch nicht schizophren genug, um mit mir selbst zu sprechen.»
Aber das Buch ist auch so eine Preziose geworden. Im Idealfall stösst man darin auf Fragen, die ein Journalist nie stellen könnte. Etwa an einen ehemaligen Auschwitz-Häftling wie Imre Kertész, Literaturnobelpreisträger aus Ungarn. Der 78-Jährige fragt sich ganz ungeniert: «Herr Kertész, Ihre Zeit läuft langsam ab. Sind Sie zufrieden? Nein.» Ein besonderer Moment, keine Frage.
Sven Boedecker, Sonntagszeitung, 4. Mai 2008
Nahaufnahmen rund um die Welt
Ein kleines Spielchen: Stellen Sie sich eine Frage und beantworten Sie sie. Tobias Wenzel hat es mit 77 Schriftstellern gespielt. Mit der Fotografin Carolin Seeliger ist er dafür um die ganze Welt gereist. Entstanden sind intensive Kürzest-Texte mit ebenso intensiv wirkenden Nahaufnahmen. Paul Auster, schreibt Wenzel im Vorwort, schickte ihn aus New York wieder nach Hause, weil er sein Zimmer nicht verlassen wollte. Beim zweiten Versuch stellte er seine Frage, weigerte sich beim Fototermin in Spanien aber, die Sonnenbrille abzunehmen. Das sind Anekdoten am Rande, die erkennen lassen: Das Buch war ein arbeitsreiches Unterfangen. Erstaunlich viel Zeit kann man mit diesen erstaunlich kurzen Texten verbringen. Lesend, staunend, nachdenkend und immer wieder fasziniert die menschenfreundlichen Ergebnisse von Seeligers Plattenkamera-Nahaufnahmen beschauend. Etwas Besonderes.
Frankfurter Neue Presse, 29.Mai 2008 (wol)
Schriftsteller im Selbstgespräch
... Wie ein stummes Zwiegespräch mit dem Betrachter wirken die Fotos, die Carolin Seeliger mit einer Plattenkamera aufgenommen hat. Schon wenige Zentimeter hinter dem Brennpunkt verschwimmen die Konturen, so entsteht eine extrem dreidimensionale Wirkung. Im Zwiegespräch befinden sich die porträtierten Autoren auh inhaltlich; der Journalist Tobias Wenzel hat sie nämlich aufgefordert, sich selbst Fragen zu stellen, die sie sich schon immer stellen wollten – uns sie natürlich auch zu beantworten. 77 Bilder und Selbstbefragungen sind in diesem Band versammelt. ... An Tiefgang lassen es viele nicht fehlen, auf eine irgendwie geartete Pointe sind die meisten aus. Nur Donna Leon, ganz praktische Hausfrau, fragt sich, ob man Orangenschalen auf den Komposthaufen werfen darf. eine Antwort hatte sie nicht.
Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 3. Juli 2008
Öffentliches Nachdenken
... Vor einigen Jahren begann der Journalist Tobias Wenzel mit einem ungewöhnlichen Projekt. Als Abschluss eines Interviews sollten die Personen, mit denen er sprach, für einen Moment zum eigenen Gesprächspartner werden. Darunter waren Arno Geiger, Paul Auster, Juli Zeh, Umberto Eco, Donna Leon, Javier Marias, Zadie Smith, Alex Capus oder DBC Pierre. Sie sollten sich selbst eine Frage stellen, die sie bewegt. Und diesen Moment nutzte Carolin Seeliger für ihre Bilder, die sie mit einer Großformatkamera machte. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf die Augen der Personen. So entstanden sehr eindringliche Aufnahmen in Schwarz-Weiß, bei denen nicht, wie oft bei Schriftstelleraufnahmen üblich, mit einer Hand im Gesicht herumgefummelt wird. Manchmal ist der Blick etwas entrückt, dann wieder schelmisch oder einfach nachdenklich. 77 Porträts sind so entstanden, von SchriftstellerInnen aus Schweden, Türkei, Australien, Frankreich, USA, Deutschland, Neuseeland, Peru und noch vielen weiteren Ländern. Darunter sind Stars und im deutschen Sprachraum noch eher unbekannte Kollegen. Es sind Porträts von Schriftstellern, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sich ihre Worte mit der Nahaufnahme ihres Gesichtes vertragen werden, schreibt William Boyd in seinem Vorwort. Manche Fragen sind sehr kurz, ebenso wie die Antworten dazu. Umberto Eco hält sich etwas sehr kurz: «Umberto Eco, glauben Sie, dass dies eine Frage ist? – Ja.» Und damit hat er seine Aufgabe erledigt.
Franc McCourt gibt eine lange Antwort auf die Frage, ob er an Gott glaubt. Arno Geiger wiederum überlegt, ob er im Alter ähnlich große Ohren wie sein Vater haben wird. Richard Ford fragt, was wichtig für ihn ist, und Tim Parks gesteht auf die Frage, welches Buch er gerne geschrieben hätte, «Das Sakrileg» wäre es gewesen, jedoch unter einem Pseudonym. Isabel Allende spricht über Leidenschaft und Donna Leon überlegt, ob es unbedenklich ist, Bananen und Orangenschalen in den Kompost zu werfen. Eine richtige Antwort darauf findet sie aber nicht, denn dazu gibt es unterschiedliche Lehrmeinungen. Der Isländer Hallgrimur Helgason bestellt bei sich selbst auf die Frage «Darf es noch etwas sein?» noch zwei Leben. Durch die Kombination Frage–Antwort–Porträt entsteht ein spannender Zugang zu den Personen. ...
Lorenz Braun, Buchkultur, August/September 2008
Eine Frage noch...
Wer kommt schon auf die Idee, Donna Leon zu fragen, ob es unbedenklich ist, Bananenschalen auf den Kompost zu werfen? Wahrscheinlich nur die Autorin selbst. Der Journalist Tobias Wenzel bat 77 Schriftsteller, sich selbst eine Frage zu stellen. Entstanden sind sehr persönliche Selbstgespräche, die durch ihre Offenheit berühren.
Schweizer Familie, Juli 2008
Eine Frage ist eine Frage – Schriftsteller im Selbstgespräch
Wenn Autoren sich selbst etwas fragen dürfen und auch noch die passende Antwort liefern, ist das oft entlarvender als eine dicke Autobiografie. Tobias Wenzel und Carolin Seeliger haben 77 Schriftsteller zum Eigen-Dialog gebeten und diese Selbstgespräche dokumentiert.
Die Gattung Selbstporträt ist seit jeher eine der Königsdisziplinen in der Kunst. Wenn Maler sich in ihren Gemälden selbst darstellen, instrumentalisieren sie es oft als Beweis ihres beruflichen Könnens. Wenn Fotografen sich selbst vor die Linse nehmen, tritt der Moment der Inszenierung noch deutlicher hervor, es ist ein Spiel mit der Kamera und der eigenen Wahrnehmung. Das Pendant bei Autoren ist die Autobiografie: Sie erzählen ihr Leben in Buchlänge, sie spitzen hier zu, setzen da einen Schwerpunkt, lassen anderes einfach ganz weg. Sie schnitzen sich schreibend ein Selbst zurecht, als das sie gerne wahrgenommen werden wollen.
Das Wesen eines Autors erfassen
Der Kulturjournalist Tobias Wenzel und die Fotografin Carolin Seeliger haben eine Methode gefunden, diese Prozedur abzukürzen. Und sie ist entlarvend. Eine Frage, ein Foto, eine Antwort, das reicht, um das Wesen eines Autors zu erfassen. In dem Bildband Was ich mich immer schon fragen wollte treten 77 Schriftsteller mit sich selbst ins Gespräch, angestachelt von Wenzel, der Schreiber aus aller Welt – unter anderem Siri Hustvedt, Jostein Gaarder, Christoph Hein oder Katja Lange-Müller – fragte, welche Frage sie sich selbst stellen würden. Und während sie überlegten, drückte Carolin Seeliger auf den Auslöser ihrer Kamera. Die Versuchsanordnung klingt bizarr, entpuppt sich aber als konsequent – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Hin und wieder passen die fragenden Selbstporträts zu den Schriftstellern und dem Schreibcharakter, für den sie bekannt sind. Umberto Eco etwa ergeht sich in erwartbaren rhetorischen Philosophie-Finessen: „Umberto Eco, glauben Sie, dass dies eine Frage ist? – Ja.“ Auf der gegenüberliegenden Seite linst er gestochen scharf über die Trennlinie in den Gläsern seiner Bifokalbrille. Alles andere, die Nase, die Stirn, die Bartstoppel, verschwimmt im Ungefähren. Und ob das ein professorales Lächeln ist, das da die Lippen umspielt, lässt sich nicht abschließend beantworten.
Die verräterischen Augen
Die Fotos sind wesentliches Moment des Projekts. Die Tarnung der Selbstdarsteller fliegt auch wegen Seeligers Fotoapparat auf: Sie verwendete eine alte Plattenkamera, mit der sie auf die Augen, die verräterischen, fokussierte. Eine Nahaufnahme, die die Personen entwaffnet, quasi schutzlos stehen sie vor dem Objektiv. „Diese Fotos sind nicht einfach Porträts von Schriftstellern an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt“, schreibt William Boyd im Vorwort, „es sind Porträts von Schriftstellern, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sich ihre Worte mit der Nahaufnahme ihres Gesichts vertragen werden.“ Ein ums andere Mal verblüfft, was die Schriftsteller aus dieser Chance gemacht haben. Und ehrlich gesagt wäre es verschenkt, an dieser Stelle allzu viel davon preiszugeben. Nur so viel: Es gibt hintergründige Zweizeiler unter den Mono-Dialogen und aufreibende Antworten, die sich über eine Seite ziehen. Die einen duzen sich, die anderen wählen das förmliche Sie. Die einen bewegen sich in thematisch erwartbaren Bereichen, die anderen stellen Fragen zu Kompost und verlöcherten Pullovern. Bei manchen sagt die Frage mehr über die Person als die Antwort – und umgekehrt. Es gibt wahre Momente. Und dann sind da noch die echten Selbstdarsteller, wie die schwedische Krimiautorin Liza Marklund, die sich jene Frage nur gestellt zu haben scheint, um eine selbstverliebte, unfassbar langweilige Antwort geben zu können. Schade.
Eine besondere Form der Offenbarung
Klar, Schriftsteller sind tendenziell mit einem verbalen Selbstdarstellerdrang gesegnet: Sie haben etwas zu sagen, sie müssen schreiben. Wer sich die eine zentrale Frage, zu der er oder sie sich dringend, schon immer und überhaupt einmal äußern wollte, selber stellen darf, baut sich selbst eine Falle. Und die Meister der Sprache wissen: Jedes Wort muss sitzen, der Autor schnurrt auf jene Frage-Antwort-Sequenz zusammen. Die besondere Form der Offenbarung und vor allem die ungewöhnlich unscharfen Köpfe mit den scharfen Augen machen Was ich mich immer schon mal fragen wollte zu einem Schatz. Der Charme des Bandes entfaltet sich nach und nach, man fängt etwa an, die Selbstdarstellungen zu vergleichen. Den einen oder anderen meint man zu kennen, von seinen Büchern, Interviews – und jene Vor-Urteile findet man nicht immer bestätigt. In gewisser Weise entsteht so auch ein Selbstporträt des Lesers, der beim Schmökern versucht, die Gesichter mit den gedruckten Selbstgesprächen und den eigenen Vorstellungen abzugleichen. Fotos, noch dazu analoge, sind Garanten von Authentizität. Auch wegen des monströsen Aufbaus, der altertümlich anmutenden Technik, dem Verschwinden der Fotografin unter einem schwarzen Tuch, waren sich die so Porträtierten in jeder Sekunde ihres Fotografiertwerdens bewusst. Und realisierten: Bei einem derartigen Close-up kann man sich nicht inszenieren. Aidan Chambers, heißt es, sei begeistert gewesen von der Verzerrung seiner großen Nase auf dem Foto. Der Kinder- und Jugendbuchautor ist Mitte 70, er grinst breit, und die Augen unter seinen weißen Haarbüscheln sind fast Schlitze, so viel spitzbübische Freude hat Chambers an der Frage, die ihm da gerade durch den Kopf schießt: „Aidan, glaubst du, dass du ein alter Mann bist?“ Seine Antwort: „Natürlich nicht! Ich bin 24!“
Anne Haeming, Goethe-Institut, September 2008 www.goethe.de/kue/lit/de3645804.htm
