Charlotte Gutscher-Schmid: Nelken statt Namen
ISBN 978-3-7165-1461-10
Nelken statt Namen
Im späten 15. Jahrhundert tauchten in Bern zahlreiche sakrale Bildwerke auf, die zwar nicht signiert waren, dafür an prominenter Stelle zwei Nelken enthielten – eine rote und eine weisse. Die Schöpfer gingen als «Berner Nelkenmeister» in die Geschichte ein, die Bilder blieben grösstenteils vom Bildersturm verschont. Die Autorin Charlotte Gutscher-Schmid beschäftigt sich seit 15 Jahren mit den Nelkenmeistern und geht ihren Geheimnissen in der Publikation auf den Grund. Anhand fiktiver Biogafien, basierend auf Fakten, konnte sie den ersten Meister um 1840 identifizieren. Durch akribische Beobachtung zeigt sie im Buch auf, wie die Nelken vom Abbild zum selbstständigen Symbol wurden. Die wissenschaftliche Publikation beweist, dass Kunstgeschichte spannend wie ein Detektivroman sein kann.
Berner Zeitung, 7. Februar 2008
Die erste Berner Kunst-Blüte
Die Publikation «Nelken statt Namen» untersucht das Wirken der Nelkenmeister und die Anfänge der Berner Malerei
Zwischen 1480 und 1510 signierte eine Gruppe anonymer Maler in Bern, Baden, Solothurn und Zürich ihre Bilder mit zwei gekreuzten Nelken. Wer waren diese Maler? Der lesenswerte Band weist zum ersten Mal klar nach, dass es diese «alten» Meister waren, die die sakrale Malerei zur ersten Blüte brachten.
Die Kreuzfahrer brachten die Nelke im 13. Jahrhundert aus dem Orient heim nach Europa. Im Mittelalter wurde sie zum Mariensymbol, die blutrote Blüte galt überdies als Hinweis auf Christi Passion und Kreuzestod. Doch Ende des 15. Jahrhunderts wurde das religiöse Symbol in der Schweiz auch zum Malerzeichen: Die Nelkenmeister taten einen ersten, zaghaften Schritt hinaus aus der Anonymität des mittelalterlichen Malers.
Seit zwanzig Jahren verfolgt Charlotte Gutscher-Schmid die Spur der Nelkenmeister – in akribischer Forschungstätigkeit, für die es auch eine Portion detektivischen Spürsinn braucht. Ihre Publikation vereint die Vorzüge eines wissenschaftlichen Werkkatalogs und eines populärwissenschaftlichen Kunstbandes. Im angenehm zu lesenden, reich bebilderten Haupttext gibt sie einen Überblick über die Werkgruppen, die sie verschiedenen Werkstätten und Meistern zuordnet. Die kunsthistorischen Untersuchungen werden im zweiten Teil des Bandes, dem wissenschaftlichen Katalog, vertieft. Hier bringt die Autorin immer wieder überraschende und bislang wenig beachtete Werke als Vergleichsbeispiele bei, verfolgt das Auftreten von Motiven, etwa der ornamentalen Muster der Goldgründe, um die stilistische Handschrift der anonymen Meister bzw. der Werkstätten herauszuarbeiten und Zuordnungen vornehmen zu können.
«Grosse» Zeit für Malerei
Die Nelkenmeister waren eine Schweizer Erscheinung. Gutscher-Schmid zeigt auf, dass die Künstler ihre Wurzeln in der Basler und süddeutschen Malerei des letzten Viertels des 15. Jahrhunderts hatten. Die gut ausgebildeten, aus den umliegenden Städten zugewanderten Maler fanden in Bern Aufträge: Bereits die ältere Forschung schrieb den Berner Nelkenmeistern die grösste Werkgruppe zu, die nebst Tafelgemälden auch bedeutende Wandmalereien umfasst. Damit war Bern von 1480 bis 1510 das Zentrum der mit zwei Nelken zeichnenden Meister. Darin spiegelt sich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation im aufstrebenden, selbstbewussten Stadtstaat: Der Wohlstand liess die Nelken spriessen, neue Malerwerkstätten konnten sich etablieren. Das ehrgeizige Münsterbauprojekt war im Gang, es entstanden viele neue Altarplätze, die mit Kunstwerken ausgestattet werden mussten: 1470 brach die «grosse» Zeit für die Berner Malerei an.
Berner Nelken
Gutscher-Schmid macht anschaulich, dass die Malerei der Nelkenmeister wohl in der Nachfolge des über die Stadt hinaus bekannten Malers Heinrich Büchler einsetzte: Der älteste der Berner Nelkenmeister, den die Autorin mit Paul Löwensprung identifiziert, könnte Büchlers Atelier weitergeführt und während einiger Jahre parallel als Solothurner Stadtmaler, wo er in den Quellen als «Paulus» belegt ist, gearbeitet haben. Zwischen 1490 und 1500 erreichte das Wirken der Berner Nelkenmeister seinen Höhepunkt: Ein jüngerer, wohl aus Süddeutschland zugereister Maler schuf erstmals in Bern Gemälde, die eine künstlerische Eigenständigkeit erkennen lassen. Zu seinen erhaltenen Hauptwerken gehört der «Johannesaltar» (vgl. Bild). Diesen «Johannesmeister» identifiziert Gutscher-Schmid insbesondere durch den Vergleich der überaus qualitätvollen Unterzeichnungen mit Hans Schweitzer.
Der Johannesaltar (um 1495) zeigte in acht Tafeln Darstellungen aus dem Leben des Heiligen Johannes, sieben Tafeln sind erhalten (Kunstmuseum Bern, Kunsthaus Zürich). Dieses vollständigste Altarwerk der bernischen Spätgotik war für die Johanneskapelle der Berner Dominikanerkirche (Französische Kirche) bestimmt und zeigt deutliche Anklänge an die niederländische Malerei der 1550-er-Jahre. Das zweite grosse Werk der Nelkenmeister entstand 1495: Die bedeutende Wandmalerei am Lettner der ehemaligen Dominikanerkirche kann noch heute vor Ort bewundert werden – das Nelkenzeichen findet sich mehrfach. Die letzte Berner Werkgruppe zeigt ein neues Malerzeichen: Nelke und Rispenblüte stammen von einer neuen Malergeneration, die an die späte Zürcher Nelkenmeistertradition anbindet. 1501 entstanden an den beiden Seitenwänden der Hauptvorhalle am Berner Münster zwei monumentale Wandgemälde: eine Verkündigung und ein Sündenfall. Bei Letzterem sind eine rote Nelke und eine Rispe schwach erkennbar.
Schweizer Zeichen?
Weshalb die Künstler rote und weisse Nelke wählten, bleibt ungewiss. Das weisse Kreuz war seit der Schlacht von Laupen das Erkennungsmerkmal der Eidgenossen, der rote Grund kennzeichnete die Berner Fahne – die Farben Rot-Weiss wurden als typisch bernisch und in der Folge eidgenössisch verstanden. Vielleicht galt dies auch für die rot-weissen Nelken: Demonstrierten sie die selbstbewusste Haltung dieser in der Schweiz tätigen Maler? Das Schaffen der Nelkenmeister war nur gerade dreissig Jahre wirksam. Ihre Werke entstanden in einer Wendezeit – die Reformation kündigte sich an, die in Bern im grossen Bildersturm von 1528 mit der Zerstörung vieler Bilder und Skulpturen im Münster gipfeln sollte. Die Nelkenmeister wurden von einer neuen Malergeneration abgelöst: Sie trat mit einem neuen Selbstverständnis auf. Die Renaissance setzte sich durch, die spätgotische Malweise der Nelkenmeister war definitiv aus der Mode gekommen. Selbstbewusste, humanistische Künstler wie Niklaus Manuel zeichneten ihre Werke mit ihrem Namen. Doch die Publikation von Charlotte Gutscher-Schmid weist zum ersten Mal klar nach, dass es diese «alten» Meister waren, die die sakrale Malerei zur ersten Blüte brachten – ein bedeutender und hochinteressanter Beitrag zur Schweizer Kunstgeschichte.
Sarah Pfister, Der Bund, 11. April 2008
Nelken stat Namen
Die spätmittelalterlichen Malerwerkstätten der Berner Nelkenmeister
Die sakralen Wand- und Tafelbilder, die Ende des 15. Jahrhunderts in Bern, Zürich, Solothurn und Baden entstanden, sind Meisterwerke ihrer Zeit. Doch signiert sind sie nur mit Nelken. Die Autorin bringt Licht ins Dunkle um die Urheberschaft jener rätselhaft-schönen Bilder.
Horizonte, März 2008
