Das neue Sehen – Carola Giedion-Welcker und die Sprache der Moderne
978-3-7165-1450-4
Jahrhundertblick
Carola Giedion-Welcker war Kunsthistorikerin und schrieb das wegweisende Buch über die Plastik der Moderne. Sie fuhr Ski in Davos und war Siegfried Giedions Frau. Das wusste ich aus meinem Bildungsbürgerrucksack, bevor ich den Wälzer «Das neue Sehen» las – eine Biografie dieser aussergewöhnlichen Frau, die die Kunst der Moderne erklärte und in Hunderten Zeitungsartikeln, Katalogbeiträgen und einem Dutzend Büchern propagierte. Die Autorin Iris Bruderer schickt Carola Giedion-Welcker fast zwanzig jahre nach deren Tod ein grossartiges Buch in den Himmel nach. Detailreich, ohne in Details zu ertrinken; ihre Protagonistin liebend, ohne sie mit Gloriolen zu erdrücken; gescheit komponiert und spannend geschrieben. Denn Carola Gidion-Welcker kannte sie alle über die Jahre und schrieb ihre Geschichte auf. Und nun schrieb Iris Bruderer die Geschichte dieser Geschichte. Kurz, wer lernen will, was die Helden der Moderne von Arp über Brancusi bis Joyce dieser Frau bedeuteten und was sie ihnen gab, sollte dieses Buch lesen.
Hochparterre (GA), 14. Januar 2008
Das neue Sehen
... Was die Lektüre dieses Buchs so faszinierend macht, ist Carola Giedion-Welckers Leben mit der Avantgarde – mit Künstlern wie Hans Arp, Kurt Schwitters, Max Ernst, Constantin Brancusi, Piet Mondrian oder James Joyce. Joyce – der sie durch seine leidenschaftliche Musikalität, seine Sprachspiele, seine ausgelassenen Darbietungen irischer Volkslieder begeistert. Brancusi – der sie in seinem Pariser Atelier mit märchenhaften und burlesken Erzählungen verzaubert. Mondrian – der sie 1925 mit heiligem Ernst in die präzisen Rhythmen von Foxtrott und Shimmi einweiht. Schwitters – der 1929 in einem Brief an sie schwärmt, «was Wichtiges in der Welt an Kunst wächst» und sich über das Unverständnis der Masse wundert: «Ich weiß nicht, sind die Menschen blind, dass sie das nicht sehen?»
Die Autorin Iris Bruderer-Oswald hat über die Kinder von Carola Giedion-Welcker Zugriff auf den zum großen Teil unveröffentlichten Nachlass gehabt. In jahrelanger, akribischer Recherche hat sie Briefe, Dokumente und Manuskripte ausgewertet und diese reiche Quellenlage zu nutzen gewusst: Sie zeigt, wie das Werk einer der wichtigsten Kunsthistorikerinnen des 20. Jahrhunderts aus der Überzeugung entsteht, dass man Kunst nicht an der Universität verstehen lernt, sondern im Atelier: Die Pionierarbeit «Moderne Plastik» bietet 1937 zum ersten Mal einen Überblick über die Experimente der zeitgenössischen Künstler mit Raum, Volumen, Licht und Material. Die großartige «Anthologie der Abseitigen» macht 1946 Poesie von damals noch unbekannten Autoren wie Alfred Jarry, Tristan Tzara, Arp und Schwitters zugänglich und zeigt ihr Vordringen in sprachliches Neuland. Die Bücher über James Joyce, Constantin Brancusi, Apollinaire und Klee sind wegweisend für die Moderne.
Der Band von Iris Bruderer-Oswald macht eindrucksvoll deutlich, warum Carola Giedion-Welcker ihr Leben lang für die ernsten wie die fröhlichen Spiele dieser Künstler gestritten und gekämpft hat. Weil sie in ihrem freien Spiel der Phantasie auf eine Humanität gestoßen ist, die sie zeitlebens als geistvolle Behauptung gegen die Herrschaft der reinen Vernunft begriffen hat. Für ihre Gestalten als wache Zeitgenossin eine vermittelnde Sprache zu finden – sie seismografisch wahrzunehmen und empathisch die Augen für sie zu öffnen – das hat Carola Giedion-Welcker als ihre Aufgabe verstanden. Dass sie und ihr Mann, der berühmte Architekturhistoriker Siegfried Giedion, die Künstler während der Jahre des Krieges auch materiell, existentiell unterstützt und ihnen in Zürich eine Zuflucht geboten haben, zeichnet die Autorin ebenfalls detailliert nach. ...
Alexandra Mangel, DeutschlandradioKultur, Radiofeuilleton am 14. Juli, 9.30 Uhr
