Barnabás Bosshart, Drei Welten - Brasilienbilder 1980-2005

978-3-7165-1472-6

 

 

«Der vorliegende Band dokumentiert Arbeiten aus Brasilien ... Die eindrucksvollen schwarz/weiß-Fotos, die Bosshart von seinen Reisen mitgebracht hat, sind weder reine ethnologische Studien noch Hochglanzbildchen vom süßen Leben an der Copacabana. Hier werden keine wie auch immer gearteteen Klischees zum wiederholten Male gezeigt. „Drei Welten“ hat Bosshart seine Ausstellung betitelt. Drei Welten in Brasilien, die untereinander keinerlei Verbindung haben und die unterschiedlicher nicht sein könnten: die ehemals blühende Kolonialstadt Alcantara do Maranhão im Nordosten, die Vorstädte von Rio de Janeiro und die Lebensbereiche der Canela-Apanyekra-Indianer im Amazonas-Gebiet. Alle Fotos entstanden innerhalb von Langzeitprojekten, ohne Auftrag aber dafür selbstbestimmt. Sie erheben nicht den Anspruch ethnologischen Studien zu dienen und sind dennoch von unschätzbarem dokumentarischem Wert. Bosshart entschied sich für Schwarz/Weiß-Aufnahmen und lehnt Ausschnittvergrößerungen prinzipiell ab. „Die Schwierigkeit besteht darin, den einmaligen Moment einzufangen, jenen Moment, den es nie wieder geben wird ...“ Der prachtvolle Fotoband mit über 200 eindrucksvollen Fotos aus einer uns unbekannten Welt enthält aufschlußreiche Aufsätze von Bosshart und anderen Autoren und Autorinnen, eine Interview mit dem Fotografen sowie biografische und bibliografische Angaben.»

 

Klaus Küpper, Bücher zu Lateinamerika – Neuerscheinungen 2007 / 2008

 

 

 

Der Bestaunte wird zum Staunenden

 

14. August 2008 Ist Gott ein Mann in Shorts? Zittriges Licht gleißt hinter ihm im Nachtschwarz, als führe es aus seinem Kopf heraus oder in den Kopf hinein, Lichtfäden an seinen Gelenken schweifen ab. Alles bebt, bleibt Schemen, nur der Mann nicht. Ein Opferritual? Epiphanie? Im Dunkel bleibt das Geheimnis dieser fremden Welt, des Dorfs der Apanyekra-Indianer. Doch ein Funke springt den Betrachter an, durch ein winziges scharfes Detail: die Pupillen des Mannes. Er sieht uns, und er scheint uns auch zu riechen, so gebläht sind seine Nüstern. Ist er wirklich so weit weg? Anstatt Zeitung zu lesen, könnte man auch barfuß mit geschultertem Stamm vom Rio Corda zum Dorf mit den drei Mangobäumen rennen und die Scheiben der Unterlippe wechseln. Apanyekra-Indianer praktizieren das nach alter Weise, hassen Geiz, feiern viel, halten sich fit und schaffen dabei das Unwahrscheinliche: zu überleben. So bezeugt es der wuchtige Foto-Bildband von Barnabás Bosshart. Das Buch enthält keine ethnologische Studie, sondern Zeugnisse der Anteilnahme, der mittelbaren Teilnahme eines Fremden, der geduldet ist und selbst Geduld mitbrachte in die Fremde. Bevor Barnabás Bosshart Brasilien besuchte, liebte die Londoner Modeszene ihren "ebulliant Barney", den unbändigen Barney, der bald die Bande der Branche floh. Schon 1973, da war Bosshart sechsundzwanzig Jahre alt, begann neben dem Kommerz die Zeit der Reisen und langzeitigen Projekte. Immer wieder war er in Brasilien: 1980-87, 1991-93, 1999-2006. Sein Weg führte, so erzählen es die drei Kapitel, vom Verstehen-Wollen zum Nicht-Verstehen-Müssen. In der ersten Periode kadrierte er das ruinöse Alcântara, den verwesenden Küstenort. Gebrochene Symmetrien sprachen vom Widerspruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Viel im Bild blieb schwarz. Noch mehr zerriss das Schwarz und Weiß auf seiner zweiten, drei Jahre und zwanzigtausend Negative umfassenden Reise in die Vororte Rio de Janeiros. Bosshart verband Augenblicke, Blitzmomente, in denen Leben sich dem Tod entgegenpeitscht: Sprünge, Tänze, Schüsse, mündend in Bildern der Trance. Doch bei den Apanyekra-Indianern wurde der bestaunte Bosshart zum Staunenden. Er trat zurück und registrierte: Miteinander, nackte Berührung, Bemalung, alltägliche Magie, entspannten Stolz und hohen Ernst trotz Flip-Flops und Shorts. Bosshart vermittelt Ahnungen von einer Welt, in der Erklärung, Zeit und Raum nichts mit unseren Begriffen zu tun haben.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. August 2008

 

Barnabás Bosshart, Drei Welten. Brasilienbilder

 

Dieser aussergewöhnliche Bildband ist im Benteli Verlag erschienen, zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz, Wintherthur. Sie dauert vom 2. Juni - 14. Oktober 2007.

Der erfolgreiche Schweizer Fotograf Barnabás Bosshart, 1947 in Herisau geboren, lebt seit 1980 vorwiegend in Brasilien und zwar in Alcantara do Maranhao. Seit seiner ersten Brasilienreise 1973 hat ihn dieser Erdteil, in dem Schönheit und Gewalt, Lebensfreude und Verzweiflung, Reichtum und Armut brutal aufeinander prallen, nicht mehr losgelassen. Wer selbst die Möglichkeit hat, Brasilien zu bereisen und dabei nicht nur Touristenhighlights zu erleben, ist von Barnabás Bossharts Fotos sogleich fasziniert und empfindet zutiefst mit. Wer in Rio durch Hintergassen geschlendert ist, in Salvador de Bahia etwa einem afro-brasilianischen Kult beigewohnt hat, in Mamaus in den Favelas war und gar ein Indianerdorf im Amazonasgebiet betreten durfte, der kommt von diesen ausdruckstarken Schwarzweiss-Bildern nicht mehr los.

 

Wendezeit, Zeitschrift für ganzheitliches Leben und für eine neues Zeitalter mit mehr Geist und Seele, Sept/Okt 2007