Beatrice Kümin, Expedition Brasilien - Von der Forschungszeichnung zur ethnographischen Fotographie
978-3-7165-1489-4
Expedition Brasilien
Neunzehntes Jahrhundert... Expeditionen ins Landesinnere Brasiliens... Ein zuvor weitgehend weisser Fleck auf der Landkarte und seine kaum bekannte Bevölkerung gewinnen durch die Berichte von Forschungsreisenden in Wort und Bild an Gestalt...
Innerhalb dieses zeitlich, regional und sachlich festgelegten Bezugrahmens veranschaulicht der vorliegende Band, auf welche Weise zwei qualitativ unterschiedliche visuelle Medien – Zeichnung und Fotografie – das Bild von der indigenen Bevölkerung Brasiliens im Verlauf eines Jahrhunderts geprägt und verändert haben.
(...)
Der Autorin ist es – ausgehend von konkreten Beispielen, in anschaulicher Weise und unter Verzicht auf übermässigen theoretischen Ballast sowie postmoderne Kapriolen – durchaus gelungen, das artifizielle wie allgemeine Bild des brasilianischen Indianders im 19. Jahrhundert auf dessen vielfältige Ursachen und Wirkungen hin zu befragen. Die Antworten liefert die vorliegende, aus einer von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich angenommenen Dissertation hervorgegangene Publikation in gleichermassen ansprechender Erscheinungsform. Mit seiner Gestaltung, dem Grossformat und zahlreichen überwiegend farbig gedruckten Abbildungen (dies gilt auch für ursprünglich schwarzweisse Fotos, deren gegenwärtiger Zustand so unverfälscht zum Ausdruck kommt) sowie den durch Zitate wesentlicher Textpassagen Akzente setzenden Untertiteln zu den Bildern sollte das Buch, das auch als Begleitband einer gleichnamigen, von der Autorin kuratierten Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich diente, über spezielle Interessen hinaus einen allgemeinen Leserkreis ansprechen.
Michael Wiener, Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde 54 (2008)
Expedition Brasilien - von der Forschungszeichnung zur ethnographischen Photographie
"Expedition Brasilien" macht mit der gesamten Bandbreite bildlicher Darstellung der brasilianischen Indianer von der Zeichnung und dem gemalten Bild bis zu Fotografie bekannt. Der Inhalt ist in drei Teile gegliedert. Der ersten Teil, "Bilder im Kontext", geht der Frage nach, welche Personen sich der bildlichen Darstellung brasilianischer Motive annahmen, welche Absichten dahinter standen und welche Motive bevorzugt wurden. So finden wir bereits aus dem 18. Jahrhundert Aquarelle, die in sehr realistischer Weise Landschaften und die darin lebenden Menschen darstellen: Sachlich beschreibend, ohne den Versuch, dramatische oder beschauliche Situationen zu konstruieren. Mit dem 19. Jahrhundert begann die szenische Darstellung und Interpretation des indianischen Lebens. Prinz Maximilian zu Wied u.a. werden zitiert und sind mit Abbildungen vertreten, die das indianische Leben in ihrer Umwelt, die Familie am Feuer und ähnliche Situationen darstellen. Für den europäischen Betrachter wird ein oft romantisierendes Bild entworfen, es finden sich aber auch eher gesellschaftskritisch anmutende Abbildungen, die von Sklavenjägern gefangene indianische Frauen und Kinder zeigen. Schließlich wird in diesem ersten Teil die Entwicklung der Fotografie geschildert und ihre revolutionierende Auswirkung auf die Vermittlung von Bildinformationen des Fremdländischen und Exotischen.
Der zweite Teil des Buches, "Prozesse der Umwandlung", demonstriert an vielen Beispielen den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wiedergabe. Ursprüngliche, d.h. im Rahmen der "Feldforschung" angefertigte Aquarelle, Bleistiftzeichnungen und Fotografien werden mit später veröffentlichten Bildern verglichen. Damit sie dem Betrachter "gefielen", wurden die von den Reisenden und Feldforschern gemalten und gezeichneten Personen vor Phantasiehintergrundbilder gestellt, mit Schmuck und Geräten ausgestattet, die sich beim Original nicht finden und sogar völlig aus dem Zusammenhang gerissen, indem Personen verschiedener Bilder und Situationen zu neuen, aber "gefälschten" Szenen kombiniert wurden. Auch Fotos wurden sorgfältiger Retusche unterzogen.
Im 3. Teil, "Zeichnung und Fotografie im Vergleich", wird die der Ethnografie dienende wissenschaftliche Bildsammlung untersucht und dokumentiert. Welche Motive finden sich und worin bestehen inhaltliche und methodische Unterschiede, wenn man die (älteren) zeichnerischen Darstellungen mit (neueren) fotografischen Aufnahmen vergleicht. Zeitlich endet die vergleichende Darstellung etwa 1900.
Beatrice Kümin, die Autorin des Buches, ist Kuratorin am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Mit der Ausgabe von "Expedition Brasilien" ist ihr ein sowohl optisch als auch inhaltlich außerordentlich ansprechendes Werk gelungen. Auch rein "technisch" ist das Buch schön: Gedruckt auf ein leicht chamoisfarbenes Papier, das die Farben unaufdringlich wiedergibt, riecht es angenehm und leicht nach Druckerschwärze - Ein deutlicher und positiver Gegensatz zum beißenden Geruch vieler anderer Bildbände, die man vor der Betrachtung erst einmal "lüften" möchte.
AmerIndian Research, Bd. 3/1 (2008), Nr. 7
Wild
Die sagenhaft fremde und doch auf eine seltsame Weise auch vertraute Welt der Ureinwohner Brasiliens hat die Forscher immer schon fasziniert. Und natürlich hat sich dieser von Ängsten und Idealen, Wünschen und Vorurteilen verschleierte Blick auch in den Bildern niedergeschlagen, die während ihrer Reisen entstanden. Um die so geformte Ikonografie des Wilden geht es in dem schönen, von Beatrice Kümin verfassten Buch «Expedition Brasilien» (Benteli-Verlag).
NZZ, 28. Juli 2007
Seinen Tee im Urwald zu Hause trinken
«Expedition Brasilien»: Das Völkerkundemuseum Zürich zeigt, wie Indianerbilder für den europäischen Markt dem bürgerlichen Geschmack angepasst wurden. Brasilien war lange unerforschtes Land. Erst als Portugal zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grenzen seiner Kolonie öffnete, konnten Forschungsexpeditionen das Land bereisen.
Mit dabei waren in der Regel Künstler, die die fremdartigen Landschaften und Bewohner so detailgetreu wie möglich auf Papier festhielten. Als 1938 die Fotographie erfunden wurde, nutzten die Brasilienforscher auch dieses Instrument sofort. Doch die wenigsten der Zeichnungen, Aquarelle und Fotos, die sie zurück nach Europa brachten, kamen dort originalgetreu auf den Markt. Sie wurden vielmehr retouchiert und montiert und der Zeit angepasst. Damit möglichst viele Bildungsbürger sie kauften, in ihre Salons hängten oder in Buchform in ihre Bibliotheken einreihten. Klein, aber fein ist die Ausstellung im Zürcher Völkerkundemuseum, die diese Umwandlungen vom Original zum veröffentlichten Bild zum Thema hat, Ihr Reichtum eröffnet sich aber nur jenen, die genau hinschauen.
(...)
Die Ausstellungsmacherin Beatrice Kümin hebt bei ihren Bildervergleichen nie den moralischen zeigefinger, um die prüden Europäer für die Verfälschung der Originale zu tadeln - sinnd doch die Originale nicht unbedingt wahrer: Auch sie wurden komponiert. Dass auch mit der Kamera nicht nur dokumentiert, sondern konstruiert wurde, lassen die Stereographien erahnen, die ein deutscher Brasilienreisender um 1870 geschossen hat, Stereographien waren damals in Europa beiiebt; viele bürgerliche Haushalte besaßen ein Gerät, mit dem ein dreidimensionaler Effekt erzielt wurde. Im Ausstellungsraum gibt es an einer Wand auch Gucklöcher. Durch sie taucht man, wie der Voyeur vor 120 Jahren, hinein in die vergilbten Bilder. Grimmig blicken die Indianer vor ihren Hütten drein, die Frauen mit den nackten Brüsten - wie man sie in Europa damals kaum im Bild zu sehen bekam; ein Sujet, das sich deshalb sicher gut verkaufte. Ein anderes Foto zeigt eine indianerin, die einen Mann laust. Wahrscheinlich, sagt Kümin, habe der Fotograf die Dargestellten zu dieser Pose aufgefordert. Hauptsache «Wilde»: Dass Ort und Zeit, Inhalt und Zusammenhang einer Szene den Verbreitern oft gleichgültig waren, beweist die weitere Geschichte der Wandtapete «Vues du Brésil». Sie wurde später unter dem Titel «Die Eroberung Mexikos» verkauft - und die fand immerhin dreihundert Jahre früher statt.
Der Tages-Anzeiger, Annemarie Straumann, 13. August 2007
