Andreas Reeg, Knechte und Mägde
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Was machen Knechte und Mägde, wenn sie das AHV-Alter erreichen? Ein Leben lang haben sie auf Bauernhöfen zumeist schwere Arbeiten verrichtet. Der Rhythmus der Jahreszeiten hat auch den eigenen Alltag getragen. Da fällt es schwer, die Hände in den Schoss zu legen. Ein paar von ihnen haben Glück. Sie können mit Pensionsbeginn einfach die Stelle wechseln und eine Stube im Dienstbotenheim Oeschberg beziehen. Vor hundert Jahren gegründet, bietet es seinen Bewohnerinnen und Bewohnern je nach Kräften Mitarbeit in Wald, Stall und Feld an. Niemand fühlt sich überflüssig, alle haben etwas zu erzählen. Der 1971 geborene Andreas Reeg hält die Atmosphäre des Altersheims auf seinen Fotografien eindrücklich fest.
NZZ am Sonntag - 25. Juni 2006 (gm)
Freie Knechte
Nördlich von Bern liegt ein Altersheim, in dem ehemalige Knechte und Mägde Geld dafür zahlen, lebenslänglich so weiterleben zu können, wie sie immer gelebt haben. Im Dienstbotenheim Oeschberg, einem Bauernhof mit elf Hektaren Wald, dürfen sie morgens um fünf zu den Schweinen, dürfen die Kühe melken, den Stall ausmisten; die Frauen gehen stricken, waschen, bügeln. Ihr Tagesablauf ist so, wie er immer war. Frühstück ist um sieben, Mittag um 11, Kaffee um 15 Uhr, Abendbrot um 17.30 Uhr. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied zu ihrem Leben vorher: Sie dürfen ihre Arbeit beenden, sobald sie keine Lust mehr haben. Der Fotograf Andreas Reeg begleitete die pensionierten Knechte und Mägde über drei Jahre und zeigt in seinem Bildband eine zufriedene Welt alter Menschen, die kostbar ist, aber nicht teuer. Die Tagessätze sind niedrig, weil die Bewohner ihre Nahrungsmittel selbst produzieren. Das Dienstbotenheim feiert in diesem September 100-jähriges Jubiläum.
DER SPIEGEL, 3.7.2006
Den Waldweg, auf dem Karl Kropf und Fritz Fankhauser zum Holzen gehen, werden sie nicht mehr lange entlangwandern. Die Stute, die von Anton Prisi gestriegelt wird, ist schon tot. Das Leben dieser Knechte und Mägde, die Andreas Reeg im Dienstbotenheim Oeschberg fotografiert hat, ist beinahe vorüber. Vorbei ist es auch mit diesen landwirtschaftlichen Berufen, das Heim nimmt bereits Dienstboten aus anderen Sektoren auf. Nach Fernsehfilmen und Radioberichten dokumentiert nun der freie Fotograf Andreas Reeg den Heimalltag, in dem Arbeit selbstverständlich dazu gehört. Noch einmal das Fallobst aufsammeln, heuen, bügeln - und feiern.
bazkulturmagazin, 2.6.2006
Knechte als Herren
In die Schweiz, sagt Mario Tommasini (ital. Politiker, Alterswohnprojekte), würde er "nicht zum Sterben gehen", obwohl "alles so sauber geputzt aussieht". Am Oeschberg jedoch, dem Altersheim für Knechte und Mägde, hätte er seine Freude. Hier gilt seit 100 Jahren, was heute ins Gespräch kommt. Jahrzehntelang dienten sie, hier dürfen sie nun tun, was nie erlaubt war: nach eigenem Ermessen arbeiten. Der Oeschberg Koppigen (Kanton Bern) ist keine ärmliche Anstalt, sondern ein prächtig herrschaftlicher Sitz, ein blühender Landwirtschaftsbetrieb mit Vieh, Feld und Wald - kantonale Gartenbauschule zudem. Zum Jubiläum erschien ein herzerwärmendes Fotobuch von Andreas Reeg - mit vielfältigen Stimmungen dieser charmanten Institution und seiner Bewohner.
Buchjournal Sommer 2006, Franziska Schläpfer
